Wann eine Betriebsvereinbarung KI Pflicht ist
Viele HR-Teams beginnen mit KI, ohne den Betriebsrat einzubinden, weil "nur ein Textentwurf" entsteht. Das ist ein Irrtum mit Folgen. Maßgeblich ist nicht, was das Tool tun soll, sondern was es tun könnte. Ein System, das Bewerbungen sortiert, Zeugnisformulierungen vorschlägt oder Leistungsdaten zusammenfasst, ist nach ständiger Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts eine technische Einrichtung, die zur Überwachung geeignet ist. Damit greift § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG, und der Betriebsrat hat ein erzwingbares Mitbestimmungsrecht. Wird es übergangen, kann der Betriebsrat die Nutzung per Unterlassungsanspruch stoppen, und alles, was bis dahin mit dem Tool entstanden ist, steht rechtlich auf wackligen Füßen.
Drei Fragen, an denen Sie prüfen, ob Ihr Fall mitbestimmungspflichtig ist:
Treffen alle drei zu, brauchen Sie die Vereinbarung, bevor das Tool produktiv läuft. Ein Kurzschluss mit einer KI-Richtlinie, die der Arbeitgeber allein erlässt, ersetzt die Vereinbarung nicht, kann aber der erste Schritt sein. Mehr dazu unter KI-Richtlinie für HR-Teams, die rechtliche Grundlage im Detail unter § 87 BetrVG und KI.
Der Ablauf in vier Schritten
Eine Betriebsvereinbarung, die hält, entsteht mit dem Betriebsrat, nicht für ihn. Der Unterschied zeigt sich in der Reihenfolge: Wer mit einem fertigen Entwurf in die erste Sitzung geht, verhandelt danach über jeden Absatz. Wer mit einer gemeinsamen Bestandsaufnahme beginnt, hat den Betriebsrat ab dem zweiten Schritt auf seiner Seite.
Gemeinsam mit dem Betriebsrat: Welche HR-Routinen sollen KI bekommen, welche bewusst nicht. Ergebnis ist eine Liste, keine Präsentation.
Je Anwendungsfall: Datenbasis, Eingriffstiefe, Einstufung nach EU-KI-Verordnung, Rolle des Datenschutzbeauftragten.
Text der Vereinbarung auf Basis der Liste. Erlaubte Fälle, verbotene Fälle, Kontrollrechte, Widerspruch, Kündigung.
Befristete Testphase mit festem Review-Termin. Erst danach wird die Vereinbarung unbefristet.
Was in eine Betriebsvereinbarung KI gehört
Die Gliederung ist bei den meisten Vereinbarungen ähnlich, der Inhalt unterscheidet sich je nach Tools und Betriebsrat erheblich. Diese acht Punkte müssen in jedem Fall geregelt sein:
- GeltungsbereichWelche Systeme, welche Abteilungen, welche Beschäftigtengruppen erfasst sind.
- Erlaubte AnwendungsfälleAbschließende Liste, keine Generalklausel. Neue Fälle brauchen eine Ergänzung.
- Ausdrücklich verbotene AnwendungsfälleAutomatisierte Ablehnung, Emotionserkennung, Leistungsranking ohne menschliche Prüfung.
- Datenbasis und SpeicherdauerWelche Daten hinein dürfen, wo sie liegen, wann sie gelöscht werden.
- Menschliche LetztentscheidungJede Personalentscheidung trifft ein Mensch, das Tool bereitet vor.
- Kontrollrechte des BetriebsratsEinsicht in Protokolle, Nutzungsstatistiken, Änderungen an Prompts und Modellen.
- Schulung und InformationWer geschult wird, bevor er das Tool nutzt, und wie Mitarbeitende informiert werden.
- Laufzeit, Review, KündigungBefristete Testphase, fester Review-Termin, Kündigungsfrist und Nachwirkung.
Wo der Betriebsrat typischerweise widerspricht
Vier Punkte kommen in fast jeder Verhandlung auf den Tisch. Wer sie vorab mit einer belastbaren Antwort versieht, verkürzt den Prozess um Wochen. Erstens die Speicherdauer von Bewerberdaten: Der Betriebsrat will wissen, ob abgelehnte Bewerbungen im KI-Tool bleiben. Die Antwort, die trägt: Löschung nach der gesetzlichen Frist, automatisiert, mit Nachweis. Zweitens die Nachvollziehbarkeit von Vorauswahlen: Warum wurde eine Bewerbung als passend markiert? Hier hilft nur ein Tool, das Kriterien anzeigt, nicht nur ein Ergebnis. Drittens das Widerspruchsrecht einzelner Mitarbeitender, die nicht wollen, dass ihre Daten durch ein Modell laufen. Das lässt sich lösen, wenn die Routine auch ohne KI funktioniert, nur langsamer. Viertens die Rolle des Datenschutzbeauftragten: Der Betriebsrat erwartet, dass die Vereinbarung von ihm mitgezeichnet ist, sonst gilt sie als einseitig.
Ein fünfter Punkt taucht seltener auf, kostet aber am meisten Zeit, wenn er kommt: die Frage, ob der Anbieter des Tools Trainingsdaten aus Ihren Eingaben zieht. Klären Sie das vor der ersten Sitzung mit dem Anbietervertrag, nicht in der Sitzung. Bei Microsoft Copilot, ChatGPT Enterprise und Claude for Work ist die Antwort vertraglich geregelt, bei kostenlosen Konsumenten-Versionen nicht.
Wie lange es realistisch dauert
Niemand unterschreibt eine Betriebsvereinbarung KI in drei Wochen, und wer das verspricht, hat noch keine verhandelt. Der Zeitplan hängt von der Sitzungsfrequenz des Betriebsrats, der Zahl der Anwendungsfälle und davon ab, ob eine Rahmen-Betriebsvereinbarung IT bereits existiert, an die sich die KI-Vereinbarung anhängen lässt. Ohne Vorarbeit sind zwei bis vier Monate realistisch, mit bestehender IT-Rahmenvereinbarung geht es schneller.
Drei Fehler, die den Prozess verdoppeln
Mit dem Tool statt mit dem Anwendungsfall anfangen. Eine Vereinbarung über "Microsoft Copilot" ist beim ersten Update veraltet. Eine Vereinbarung über "Entwurf von Stellenanzeigen mit einem Sprachmodell" hält auch, wenn das Tool wechselt.
Die Testphase weglassen. Ohne befristeten Test verhandelt der Betriebsrat jede Formulierung so, als gälte sie für immer. Mit einem Review-Termin nach drei Monaten fällt die Einigung leichter, weil beide Seiten wissen, dass nachjustiert werden kann.
Die Belegschaft erst nach der Unterschrift informieren. Die Vereinbarung regelt auch, wie Mitarbeitende informiert werden. Wer das nachholt, erklärt sich vor Mitarbeitenden, die von der Nutzung schon aus dem Flurfunk wissen.
Gliederung einer Betriebsvereinbarung KI mit Musterformulierungen
Die vollständige Struktur der acht Punkte oben, mit Formulierungsvorschlägen aus verhandelten Vereinbarungen, als Word-Datei zum direkten Weiterarbeiten mit Ihrem Betriebsrat. Kein Rechtsrat, aber ein Startpunkt, der Wochen spart.
Häufige Fragen
Reicht eine KI-Richtlinie des Arbeitgebers statt einer Betriebsvereinbarung?
Nein, wenn die drei Kriterien oben zutreffen. Eine Richtlinie ist einseitig und ersetzt das Mitbestimmungsrecht nicht. Sie kann aber der erste Schritt sein, um Erwartungen zu klären, bevor verhandelt wird. Mehr unter KI-Richtlinie für HR-Teams.
Was, wenn wir keinen Betriebsrat haben?
Dann entfällt die Mitbestimmung, nicht aber Datenschutz und EU-KI-Verordnung. Eine KI-Richtlinie mit denselben acht Punkten ist dann der richtige Weg, und sie schützt Sie, falls später ein Betriebsrat gegründet wird.
Gilt das auch für Microsoft Copilot in Outlook und Word?
Ja, sobald Copilot auf HR-Daten zugreift. Viele Unternehmen haben Copilot ausgerollt, ohne die HR-Nutzung zu regeln. Genau das ist ein typischer Auslöser für eine nachträgliche Vereinbarung.
Was kostet die Begleitung dieses Prozesses?
Teil jedes Interim- oder Fractional-Mandats, oder als eigenständiges Projekt mit klarem Ende. Konditionen im Erstgespräch. Zu KI für HR-Teams.
Muss die Vereinbarung wegen der EU-KI-Verordnung angepasst werden?
Wenn Anwendungsfälle als Hochrisiko eingestuft sind, etwa Bewerberauswahl, kommen Dokumentations- und Registrierungspflichten dazu. Die Vereinbarung sollte den Verweis auf das KI-Register enthalten. Details unter EU-KI-Verordnung im HR.
Wer unterschreibt am Ende?
Arbeitgeber und Betriebsrat, in der Regel Geschäftsführung und Betriebsratsvorsitz. Der Datenschutzbeauftragte zeichnet nicht mit, sollte die Vereinbarung aber vorher gesehen haben, sonst kommt sein Einwand nach der Unterschrift.
