Warum Zeugnisse liegen bleiben

In fast jedem HR-Team, das ich übernommen habe, lag ein Stapel offener Zeugnisse. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil ein Zeugnis zwei Dinge gleichzeitig verlangt, die selten zusammenkommen: die Führungskraft weiß, wie die Person gearbeitet hat, und HR weiß, wie man das in Zeugnissprache schreibt. Die Führungskraft schickt drei Zeilen, HR fragt nach, die Führungskraft ist im Urlaub, das Zeugnis wartet. Nach vier Wochen fragt die ausgeschiedene Person nach, nach acht Wochen droht sie mit dem Anwalt.

Die Routine löst nicht das Schreiben, sondern die Übergabe. Ein Beurteilungsbogen, den die Führungskraft in zehn Minuten ausfüllt, enthält alles, was der Entwurf braucht. Das Werkzeug übersetzt ihn in Zeugnissprache, HR prüft, die Führungskraft bestätigt. Erfahrungsgemäß sinkt die Durchlaufzeit von Wochen auf Tage, und der Aufwand je Zeugnis von zwei bis drei Stunden auf etwa 45 Minuten. Der Stapel verschwindet nicht, weil KI schneller schreibt, sondern weil niemand mehr nachfragen muss.

Die Zeugnissprache: warum Nuancen über Noten entscheiden

Die Zeugnissprache ist ein Code, der aus der Pflicht zum Wohlwollen entstanden ist. Weil ein Zeugnis nichts Negatives sagen darf, was das Fortkommen unnötig erschwert, wird Kritik in Abstufungen des Lobs ausgedrückt. "Stets zu unserer vollsten Zufriedenheit" ist eine Eins, "zu unserer vollen Zufriedenheit" eine Drei, "hat sich bemüht" ist eine Fünf. Wer die Abstufungen nicht kennt, schreibt aus Freundlichkeit ein schlechtes Zeugnis oder aus Unwissen ein zu gutes, und beides hat Folgen: Eine zu schlechte Note lässt sich einklagen, eine zu gute ist im nächsten Prozess schwer zu erklären.

Sprachmodelle kennen den Code, weil er in tausenden Ratgebern und Urteilen dokumentiert ist. Das ist der Grund, warum sie für diese Routine geeignet sind: Die Übersetzung von "Note 2, Leistung" in "stets zu unserer vollen Zufriedenheit" ist eine Aufgabe, bei der das Werkzeug erfahrungsgemäß zuverlässiger ist als eine Führungskraft ohne Zeugniserfahrung. Was das Modell nicht kennt, ist die Person. Deshalb kommt die Note aus dem Bogen, nicht aus dem Werkzeug.

Note 1Stets zur vollsten ZufriedenheitLeistung: "stets zu unserer vollsten Zufriedenheit". Verhalten: "stets einwandfrei", Reihenfolge Vorgesetzte, Kollegen, Kunden.
Note 2Stets zur vollen ZufriedenheitEin Wort weniger, eine Note tiefer. Die häufigste Note in der Praxis und die, bei der die meisten Formulierungsfehler passieren.
Note 3Zur vollen ZufriedenheitOhne "stets". Für Außenstehende kaum vom Zweier zu unterscheiden, für jede Personalabteilung eindeutig.
Note 4 und 5Zur Zufriedenheit, bemüht"Zu unserer Zufriedenheit" ist ausreichend, "hat sich bemüht" ist mangelhaft. Beides muss durch die Beurteilung belegbar sein, sonst ist es angreifbar.

§ 109 GewO: wohlwollend und wahr

Die Rechtsgrundlage steht in § 109 Gewerbeordnung: Jede Arbeitnehmerin und jeder Arbeitnehmer hat bei Beendigung Anspruch auf ein schriftliches Zeugnis, auf Verlangen ein qualifiziertes mit Angaben zu Leistung und Verhalten. Das Zeugnis muss klar und verständlich sein und darf keine Merkmale oder Formulierungen enthalten, die eine andere Aussage über die Person treffen, als aus dem Wortlaut hervorgeht. Das ist das Verbot der Geheimcodes, und es ist der Grund, warum die Zeugnissprache so standardisiert ist: Sie ist der Versuch, Abstufungen zu machen, ohne verbotene Codes zu nutzen.

Dazu kommt aus der Rechtsprechung der Grundsatz, dass ein Zeugnis wahr und wohlwollend sein muss. Beides zugleich: Es darf nichts Falsches stehen, und es darf das Fortkommen nicht unnötig erschweren. In der Praxis heißt das, dass die Note aus der tatsächlichen Beurteilung folgen muss, und dass diese Beurteilung belegbar sein sollte, wenn die Person die Note anficht. Ein Bogen, den die Führungskraft ausfüllt und zeichnet, ist genau dieser Beleg. Das Werkzeug ändert an keiner dieser Pflichten etwas, es hilft nur, sie schneller zu erfüllen. Praxiswissen, keine Rechtsberatung.

Der Ablauf mit Beurteilungsbogen

Tag 1Bogen an die Führungskraft

HR schickt den Beurteilungsbogen mit Frist: Aufgaben in Stichworten, Note je Bereich, zwei bis drei besondere Leistungen oder Projekte, Grund des Ausscheidens, gewünschte Schlussformel. Zehn Minuten Aufwand.

Tag 2 bis 3Entwurf aus dem Bogen

HR gibt den Bogen mit Platzhaltern statt Klarnamen in den Prompt. Das Werkzeug erstellt den Entwurf in Zeugnissprache mit den vier Abschnitten. Fünf Minuten.

Tag 3Prüfung durch HR

Abgleich mit der Personalakte: Eintrittsdatum, Positionen, Aufgaben. Prüfung der Notenkodierung je Absatz. Prüfung auf verbotene Formulierungen und Widersprüche zwischen Bereichen.

Tag 4 bis 5Bestätigung durch die Führungskraft

Die Führungskraft liest den Entwurf und bestätigt, dass er ihre Beurteilung wiedergibt. Änderungen laufen über den Bogen, nicht über Umformulierung im Text.

Tag 5Unterschrift und Versand

Name und Daten werden in Word eingesetzt, das Zeugnis wird von der zeichnungsberechtigten Person unterschrieben, auf Firmenpapier, ohne Knick. Die Bogen-Kopie geht in die Akte.

Was im Prompt steht

Der Prompt für Zeugnisse ist länger als der für Stellenanzeigen, weil er die Kodierung mitliefern muss. Er liegt als Vorlage im Team und bleibt bei jedem Zeugnis gleich, nur der Bogen wechselt. Fünf Bausteine:

  1. Rolle und RegelnDas Modell schreibt als erfahrene Personalabteilung ein qualifiziertes Arbeitszeugnis nach deutschem Recht, wohlwollend und wahr, ohne Geheimcodes, ohne Ironie, ohne Auslassungen, die auffallen.
  2. Die NotentabelleJe Bereich die Formulierung für Note 1 bis 5, damit das Werkzeug nicht aus dem Gedächtnis arbeitet, sondern aus Ihrer Tabelle. Das schließt Abweichungen zwischen zwei Zeugnissen desselben Teams aus.
  3. Die StrukturEinleitung mit Platzhaltern für Name, Geburtsdatum, Eintritt, Position. Aufgabenbeschreibung aus dem Bogen. Leistungsbeurteilung nach Fachwissen, Arbeitsweise, Erfolg. Sozialverhalten in der richtigen Reihenfolge. Schlussformel mit Dank und Wünschen, sofern im Bogen gewünscht.
  4. Der Bogen als EingabeDie ausgefüllten Felder der Führungskraft, mit Platzhaltern statt Klarnamen. Note je Bereich, Stichworte, Projekte, Austrittsgrund in neutraler Form.
  5. Die PrüfanweisungNach dem Entwurf soll das Modell selbst prüfen, ob jede Formulierung der angegebenen Note entspricht und ob Widersprüche zwischen Abschnitten bestehen. Das ersetzt nicht die Prüfung durch HR, fängt aber Ausreißer ab.

Datenschutz: keine Klarnamen ohne Auftragsverarbeitung

Ein Zeugnis ist voller Personaldaten: Name, Geburtsdatum, Beschäftigungszeiten, Leistungsbeurteilung. Wer das in ein Sprachmodell gibt, verarbeitet personenbezogene Daten, und dafür braucht es einen Auftragsverarbeitungsvertrag mit dem Anbieter. Den haben Copilot, ChatGPT Enterprise und Claude for Work über den Unternehmensvertrag. Private Konten und kostenlose Versionen haben ihn nicht, und dort landen Zeugnisdaten erfahrungsgemäß am häufigsten, weil die Führungskraft "nur kurz einen Entwurf" wollte.

Zwei Regeln lösen das. Erstens: Zeugnisse werden nur in dem Werkzeug erstellt, das die KI-Richtlinie oder Betriebsvereinbarung dafür freigibt. Zweitens: Der Entwurf entsteht mit Platzhaltern. "Frau [Name], geboren am [Datum], war vom [Eintritt] bis [Austritt] als [Position] tätig." Die Beurteilung braucht keinen Namen, um formuliert zu werden, und Name und Daten kommen erst in Word hinein. Wer so arbeitet, hat auch mit einem Werkzeug ohne Auftragsverarbeitung kaum ein Problem, sollte es aber trotzdem nicht tun, weil Stichworte aus dem Bogen im Zweifel eine Person erkennbar machen. Was sonst noch gilt, steht unter DSGVO und KI im HR.

Wo Menschen prüfen müssen

Der Entwurf kann eine bessere oder schlechtere Formulierung liefern, als der Bogen meint, wenn Stichworte unklar waren oder eine Note zwischen zwei Bereichen nicht zusammenpasst. Eine Zwei bei Leistung und eine Vier beim Verhalten ergeben ein Zeugnis, das jede Personalabteilung als Warnung liest, und das muss die Führungskraft so wollen, nicht das Werkzeug so verteilen. Deshalb bleibt die Prüfung durch eine Person mit Zeugniserfahrung Pflicht, und zwar an drei Stellen: bei der Gesamtnote, bei der Schlussformel, deren Fehlen als Signal gilt, und bei allen Zeugnissen nach einer Kündigung durch den Arbeitgeber oder mit laufendem Streit.

Was das Werkzeug nie tun sollte: Noten aus Systemdaten ableiten, etwa aus Zielerreichung im Performance-Tool oder aus Fehlzeiten. Das wäre ein Beurteilungssystem, es wäre mitbestimmungspflichtig nach § 87 BetrVG, und es wäre im Beschäftigungskontext ein Hochrisiko-System nach KI-Verordnung. Die Zeugnisroutine bleibt nur deshalb außerhalb dieser Pflichten, weil die Bewertung von einem Menschen kommt und das Werkzeug sie nur in Sprache übersetzt. Wo die Grenze genau verläuft, steht unter § 87 BetrVG und KI.

Kostenlos · PDF

Prompt-Vorlage Arbeitszeugnis mit Beurteilungsbogen

Der fertige Prompt mit Rolle, Notentabelle für alle Bereiche, Struktur und Prüfanweisung, dazu der Beurteilungsbogen für Führungskräfte als ausfüllbare Seite und die Prüfliste, die HR vor der Unterschrift durchgeht. Mit Platzhaltern statt Klarnamen, damit der Datenschutz von Anfang an passt.

Sie landen in der HR-Briefing-Liste zu diesem Thema. Keine Weitergabe, jederzeit abbestellbar.

Häufige Fragen

Erkennt jemand, ob das Zeugnis mit KI entstanden ist?

Nicht, wenn der Entwurf aus einem ausgefüllten Beurteilungsbogen entstand und von der Führungskraft geprüft wurde. Ein Zeugnis war schon immer ein Text aus Bausteinen, und die rechtlichen Anforderungen ändern sich durch das Werkzeug nicht. Was auffällt, sind Zeugnisse ohne Substanz, egal wer sie geschrieben hat.

Ist die Zeugnisroutine mitbestimmungspflichtig?

Der Formulierungsentwurf aus einem Bogen, den die Führungskraft ausgefüllt hat, ist in der Regel nicht mitbestimmungspflichtig, weil das Werkzeug keine Leistung bewertet, sondern eine vorhandene Bewertung in Sprache übersetzt. Würde das Tool aus Systemdaten selbst Noten ableiten, wäre das ein anderer Fall und ein Thema für die Betriebsvereinbarung KI.

Dürfen Name und Daten der Person in das Werkzeug?

Nur in ein Werkzeug mit Auftragsverarbeitungsvertrag, also Copilot, ChatGPT Enterprise oder Claude for Work über den Unternehmensvertrag. In ein privates Konto oder eine kostenlose Version gehören keine Klarnamen. Sauberer ist es ohnehin, den Entwurf mit Platzhaltern zu erstellen und Name und Daten erst in Word einzusetzen.

Kann die KI die Note festlegen?

Nein, und sie sollte es nicht. Die Note ist eine Bewertung der Führungskraft, die im Bogen steht, bevor das Werkzeug arbeitet. Das Werkzeug übersetzt die Note in die passende Formulierung, es vergibt keine. Wer das umdreht, hat ein Beurteilungssystem gebaut, und das ist mitbestimmungspflichtig.

Was ist mit Zwischenzeugnissen und Zeugnissen nach Kündigung?

Der Ablauf ist derselbe, die Prüfung ist strenger. Bei Zeugnissen nach einer Kündigung durch den Arbeitgeber oder bei laufenden Streitigkeiten sollte HR den Entwurf besonders sorgfältig gegen die Personalakte lesen, weil das Zeugnis erfahrungsgemäß häufiger gerichtlich angegriffen wird.

Wie viel Zeit spart die Routine?

Erfahrungsgemäß sinkt der Aufwand je Zeugnis von zwei bis drei Stunden auf etwa 45 Minuten, den Beurteilungsbogen der Führungskraft eingerechnet. Die Ersparnis kommt weniger aus dem Schreiben als aus dem Wegfall der Nachfragen, weil der Bogen die Informationen vorab sammelt.