Nick’s Advisory
Auswahlverfahren
Assessment Center für Führungspositionen: was wirklich bewertet wird
05. September 2026 · 15 Min. Lesezeit · von Nick, ehemaliger Head of People

Die Einladung zum Assessment Center kommt meistens mit wenig Information: ein Tag, ein Ort, Kleiderordnung, bitte Rückmeldung bis Freitag. Was dort passiert, erfährst du oft erst am Morgen selbst. Und genau das erzeugt die Vorbereitung, die am wenigsten hilft, nämlich das Auswendiglernen von Verhaltensmustern aus Ratgeberlisten.
Tatsächlich ist ein sauber gebautes Assessment Center ein dokumentiertes Verfahren mit veröffentlichten Qualitätsstandards, kein Rätsel. Es gibt eine deutsche Norm dafür, es gibt eine Fachvereinigung mit neun verbindlichen Standards, und es gibt Forschung dazu, wie gut solche Verfahren beruflichen Erfolg überhaupt vorhersagen. Wenn du weißt, wonach beobachtet wird und wie bewertet wird, verändert sich deine Vorbereitung grundlegend.
Ich habe über sieben Jahre als HR Manager und Head of People gearbeitet und über 1.000 Interviews geführt, viele davon für Führungspositionen. Ich beschreibe hier, was in einem Assessment Center bewertet wird, welche Regeln dabei gelten sollen, welche Informationen du vorab verlangen kannst, und woran du erkennst, dass du in einem schlecht gebauten Verfahren sitzt.
Die kurze Antwort: bewertet wird beobachtbares Verhalten gegen ein vorher festgelegtes Profil
Im Assessment Center wird nicht deine Persönlichkeit bewertet und auch nicht dein Gesamteindruck, sondern konkretes Verhalten in Simulationen, gemessen an Anforderungsmerkmalen, die vor dem Verfahren definiert wurden. Die Standards der Assessment-Center-Methode formulieren das als eigenen Qualitätsstandard: Vor jeder personenbezogenen Diagnostik muss eine Arbeits- und Anforderungsanalyse für die Zielfunktion stehen, aus der ein Anforderungsprofil mit den erfolgskritischen Aspekten der Tätigkeit entsteht.
Daraus folgt der wichtigste Perspektivwechsel für deine Vorbereitung: Die Beobachterinnen und Beobachter suchen nicht nach der beeindruckendsten Person im Raum. Sie suchen nach Verhalten, das sich einem bestimmten Merkmal zuordnen lässt, zum Beispiel Ergebnisorientierung oder Umgang mit Widerspruch. Wer den Raum dominiert, aber kein zuordenbares Verhalten zeigt, bekommt in einem gut gebauten Verfahren keine bessere Bewertung.
Für die Übungen gilt dabei eine konkrete Obergrenze: Um Urteilsfehler durch Überlastung zu vermeiden, werden in jeder Arbeitssimulation drei, höchstens fünf Anforderungsmerkmale beobachtet. Das heißt für dich: In jeder Übung geht es um wenige, klar umrissene Aspekte, nicht um alles gleichzeitig. Wenn du in der Gruppendiskussion nicht die klügste Analyse lieferst, kann sie trotzdem gut für dich laufen, wenn das beobachtete Merkmal die Moderationsfähigkeit war.
Was in einem sauber gebauten Verfahren bewertet wird, und was nicht
- Beobachtbares Verhalten in Simulationen Was du konkret sagst und tust, protokolliert und einem Merkmal zugeordnet.
- Antworten auf vorab festgelegte Interviewfragen Bewertet anhand vorher definierter typischer Antworten, nicht nach Bauchgefühl.
- Ergebnisse aus Tests und Fragebögen Ausgewertet an einer festgelegten Normgruppe und Skala.
- Nicht: Sympathie, Auftreten, Redeanteil Diese Eindrücke entstehen trotzdem. Genau deshalb schreiben die Standards unabhängige Doppelbewertung vor.
Quellen: Arbeitskreis Assessment Center e. V.: Standards der Assessment Center Methode (2016)
Wie gut sagt ein Assessment Center Berufserfolg überhaupt vorher?
Die ehrliche Antwort: ordentlich, aber schlechter als sein Ruf, und schlechter als ein gut gemachtes strukturiertes Interview. Eine Neuberechnung der Metaanalysen zur Personalauswahl von Sackett und Kollegen aus dem Jahr 2022 korrigierte eine systematische Überschätzung in Jahrzehnten früherer Forschung. Für das Gesamturteil eines Assessment Centers ergab sich dabei eine korrigierte operationale Validität von .29, in einer späteren Aktualisierung mit einer passenderen Reliabilitätsannahme für Führungspositionen .33.
Zum Vergleich, aus derselben Neuberechnung: Strukturierte Interviews liegen bei .42 und damit an der Spitze der untersuchten Verfahren, Fachwissenstests bei .40, empirisch entwickelte biografische Fragebögen bei .38, Arbeitsproben bei .33 und Tests der allgemeinen kognitiven Fähigkeit bei .31. Auch bei Persönlichkeitsmerkmalen wurde nachjustiert, Gewissenhaftigkeit erreicht in der kontextualisierten Erfassung .25.
Was heißt das praktisch für dich? Erstens: Ein Assessment Center ist ein Verfahren mit begrenzter Trefferquote, nicht ein Urteil über deine Eignung als Person. Eine Absage nach einem AC bedeutet, dass dein Verhalten an diesem Tag in diesem Raster weniger gut zugeordnet werden konnte, mehr nicht. Zweitens: Der Teil des Verfahrens, der am meisten über dich aussagt, ist häufig das strukturierte Interview, nicht die spektakulärste Übung. Wer den ganzen Vorbereitungsaufwand in Postkorb und Präsentation steckt und das Interview als Beiwerk behandelt, priorisiert falsch.
Es lohnt sich, diese Zahlen richtig zu lesen. Eine Validität von .29 bedeutet nicht, dass 29 Prozent der Entscheidungen richtig sind. Es ist ein Zusammenhangsmaß zwischen dem Verfahrensergebnis und der späteren Arbeitsleistung, auf einer Skala von null bis eins. Kein einziges Auswahlverfahren in dieser Forschung kommt auch nur in die Nähe von .60. Auswahl bleibt eine Wahrscheinlichkeitsentscheidung, auf beiden Seiten des Verfahrens.
Und ein dritter Punkt, der selten gesagt wird: Diese Zahlen sind Mittelwerte über sehr unterschiedliche Verfahren hinweg. Ein Assessment Center, das den Qualitätsstandards folgt, liegt über diesem Mittelwert, ein zusammengeschustertes darunter. Genau deshalb lohnt es sich für dich zu erkennen, in welcher Art Verfahren du sitzt.
- Strukturiertes Interview
- .42
- Fachwissenstest
- .40
- Biografischer Fragebogen
- .38
- Arbeitsprobe
- .33
- Kognitiver Fähigkeitstest
- .31
- Assessment Center (Gesamturteil)
- .29
Quellen: SIOP: Is Cognitive Ability the Best Predictor of Job Performance? (Sackett et al., 2022) · Sackett et al.: Revisiting the design of selection systems (Cambridge Core) · TestGorilla: Validität von Auswahlverfahren, Teil 2
Was du vorab erfahren musst, und einfordern darfst
Die Standards der Assessment-Center-Methode legen verpflichtende Mindestelemente der Vorinformation fest. Dazu gehören: die Zielsetzung beziehungsweise der Charakter des Verfahrens, also ob es der Auswahl, einer Potenzialanalyse oder der Personalentwicklung dient, welche Konsequenzen mit den Ergebnissen verbunden sind, die Relevanz des Verfahrens für den weiteren Verlauf, wer als Beobachter oder Vertreter der Organisation beteiligt ist, welche Arten von Verfahrenselementen eingesetzt werden, ob und in welcher Form ein Feedback erfolgt, sowie welche Berichte entstehen und wie sie aufbewahrt werden.
Das ist kein Wunschkatalog, sondern der veröffentlichte Standard einer Fachvereinigung, die seit 1977 besteht und ihre Qualitätsstandards erstmals 1992 zusammengestellt hat, mit Überarbeitungen 2004 und 2016. Du kannst diese Punkte deshalb vorab erfragen, ohne dass es anmaßend wirkt. Eine sachliche Mail mit vier konkreten Fragen ist selbst ein Verhaltensbeleg, und zwar ein guter.
Als ausdrücklicher Verstoß gegen die Standards gilt, potenziellen Teilnehmenden keine oder falsche Informationen zum Ziel zu geben, etwa ein Auswahlverfahren als Entwicklungsverfahren auszugeben. Das ist der Fall, den du kennen solltest: Wenn dir eine Potenzialanalyse angekündigt wird, das Ergebnis aber über eine Beförderung entscheidet, ist das kein Detail, sondern ein Qualitätsmangel des Verfahrens.
Ein weiterer benannter Verstoß betrifft die Situation, in der ein Auswahlverfahren mit nur einer teilnehmenden Person durchgeführt wird, bei der schon vorher feststeht, dass sie die Stelle bekommt. Das kommt häufiger vor als man denkt, etwa wenn eine interne Besetzung nachträglich legitimiert werden soll. Für dich als Teilnehmerin oder Teilnehmer eines solchen Verfahrens ist das relevant, weil die Bewertung dann kaum ergebnisoffen ist.
- 1
Frag nach dem Zweck
Dient das Verfahren der Auswahl, der Potenzialanalyse oder der Entwicklung, und welche Konsequenz hat das Ergebnis konkret? Das ist ein Pflichtelement der Vorinformation, keine Sonderauskunft.
- 2
Frag nach den Beobachtenden
Welche Funktionen sitzen dabei und in welchem Bezug stehen sie zur Zielposition? Namen brauchst du nicht, die Rollen schon.
- 3
Frag nach der Art der Elemente
Interview, Simulationen, Tests. Die Detailinhalte darfst du nicht erwarten, die Art der Verfahrenselemente gehört aber zur Pflichtinformation.
- 4
Frag nach Feedback und Bericht
Gibt es ein Feedback, in welcher Form, welche Berichte entstehen und wie lange werden sie aufbewahrt? Auch das ist Teil der Mindestinformation.
Quellen: Arbeitskreis Assessment Center e. V.: Standards der Assessment Center Methode (2016) · Obermann Consulting: Die Qualitätsstandards des Arbeitskreises AC e. V.
Wer dich beobachtet, und nach welchen Regeln
Für die Beobachtung schreiben die Standards vor, dass dein Verhalten in Simulationen und im Interview von mindestens zwei geschulten Personen unabhängig voneinander erfasst und bewertet wird. Die Bewertung erfolgt unmittelbar nach der jeweiligen Übung schriftlich anhand der Beurteilungskriterien, nicht am Abend aus der Erinnerung. Zusätzlich soll die Qualität in Gruppenaufgaben nicht dadurch leiden, dass zu viele Personen gleichzeitig beobachtet werden: höchstens fünf bis sechs Teilnehmende, ideal sind zwei bis drei je Beobachter.
An die Beobachterinnen und Beobachter selbst stellen die Standards ebenfalls Anforderungen. Personen aus den Fachbereichen kommen aus mindestens einer Ebene über der Zielfunktion. Jede Person absolviert vor dem Ersteinsatz ein Training zur Verhaltensbeobachtung und -bewertung, in dem die eigene Bewertung mit Experten- und Referenzurteilen abgeglichen wird. Nachschulungen sind bei inhaltlichen Änderungen, neuen Zielgruppen oder längeren Pausen erforderlich. Bei der Zusammensetzung ist auf Objektivität zu achten, ausdrücklich genannt ist, dass kein hierarchisches Unterstellungsverhältnis unter den Beobachtenden bestehen soll.
Zwei Verstöße sind hier für dich besonders aufschlussreich. Erstens: Beobachtende ohne realen Einblick in die Zielfunktion, in den Standards mit dem Beispiel beschrieben, dass Sachbearbeitende den Führungsnachwuchs auswählen. Zweitens: Bei Verfahren zur Potenzialanalyse ist es ein Verstoß, wenn die direkte Führungskraft der teilnehmenden Person selbst beobachtet oder das Interview führt. Wenn dein eigener Chef bei deiner Potenzialanalyse mit dem Bewertungsbogen dasitzt, ist das kein Zeichen von Wertschätzung, sondern ein Konstruktionsfehler.
Diese Zahlen sind der Grund, warum ein Assessment-Center-Tag so aufwendig ist. Zwei unabhängig bewertende Personen je Übung, höchstens fünf bis sechs Teilnehmende in einer Gruppenaufgabe, davon idealerweise zwei bis drei je beobachtender Person, dazu drei bis fünf Merkmale pro Simulation und eine schriftliche Bewertung unmittelbar danach. Rechne das für einen Tag mit acht Teilnehmenden hoch, und du verstehst, warum viele Unternehmen an genau diesen Stellen kürzen. Für dich ist jede dieser Kürzungen ein Hinweis darauf, wie belastbar das Ergebnis am Ende ist.
Was du daraus mitnimmst: Wenn im Raum nur eine Person mitschreibt, wenn dieselbe Person alle Übungen bewertet, oder wenn du nach der Übung merkst, dass gar nichts protokolliert wurde, sitzt du in einem Verfahren, dessen Ergebnis weniger belastbar ist, als die Einladung nahegelegt hat. Das ändert nichts an deinem Auftreten an dem Tag, aber es ändert, wie viel Gewicht du dem Ergebnis später gibst.
Quellen: Arbeitskreis Assessment Center e. V.: Standards der Assessment Center Methode (2016)
DIN 33430: der Maßstab, an dem sich ein gutes Verfahren messen lässt
Neben den Standards der Fachvereinigung gibt es in Deutschland eine eigene Norm für berufsbezogene Eignungsdiagnostik: die DIN 33430. Sie erschien erstmals im Juni 2002 und wurde 2016 überarbeitet. Sie formuliert Anforderungen an die Arbeits- und Anforderungsanalyse, an die Auswahl der diagnostischen Strategie und der Verfahren, an deren Durchführung und Auswertung einschließlich der Interpretation der Ergebnisse, sowie an Evaluation und Qualitätssicherung.
Wichtig für die Einordnung: Die Anwendung ist freiwillig. Es gibt keine Behörde, die vor deinem Assessment Center prüft, ob die Norm eingehalten wurde. Unternehmen können sich selbst zur Einhaltung verpflichten. Für Personen gibt es Lizenzen, die über Prüfungen erworben werden, unter anderem für Eignungsdiagnostik sowie für die Beobachtung in Interviews und in Verhaltensbeurteilungen. Auch diese Lizenzen sind nicht gesetzlich vorgeschrieben, sie sind ein freiwilliges Qualitätssignal.
International gibt es seit 2011 die ISO 10667, die den Ansatz über Einzelbeurteilungen hinaus auf Beurteilungen von Gruppen und Organisationen erweitert und stärker das Zusammenspiel von Auftraggeber und Dienstleister regelt. Für dich als Teilnehmerin oder Teilnehmer ist die Norm vor allem eine Sprachhilfe: Die Frage, ob das Verfahren an der DIN 33430 ausgerichtet ist, signalisiert Vorbereitung und zwingt die Gegenseite zu einer präzisen Antwort.
1992
Erste Zusammenstellung von Qualitätsstandards für die Assessment-Center-Methode in Deutschland.
2002
DIN 33430 erscheint als Norm für Anforderungen an Verfahren bei berufsbezogenen Eignungsbeurteilungen.
2011
ISO 10667 erweitert den Ansatz international auf Beurteilungen von Gruppen und Organisationen.
2016
Überarbeitete DIN 33430 sowie die aktuelle Fassung der AC-Standards mit neun Standards.
Quellen: DIN 33430: Entstehung, Revision und Lizenzen · dgp: Qualitätsstandard DIN 33430 in der Eignungsdiagnostik · DIN Media: Eignungsdiagnostik nach DIN 33430
Deine Rechte: Fragen, Daten und automatisierte Bewertung
Nicht alles, was in einem Auswahlverfahren gefragt wird, darf gefragt werden. Das Bundesarbeitsgericht hat am 6. Februar 2003 entschieden, dass die Frage nach einer Schwangerschaft bei einem auf Dauer angelegten Arbeitsverhältnis regelmäßig unzulässig ist, auch dann, wenn die Person die Tätigkeit wegen eines Beschäftigungsverbots zunächst nicht ausüben könnte. Auf eine unzulässige Frage darf falsch geantwortet werden, ohne dass daraus eine arglistige Täuschung wird, die den Vertrag anfechtbar macht.
Für deine Daten gilt: Bewerberinnen und Bewerber gelten nach dem Bundesdatenschutzgesetz ausdrücklich als Beschäftigte im Sinne der Vorschrift zur Datenverarbeitung im Beschäftigungsverhältnis. Verarbeitet werden dürfen Daten, soweit das für die Entscheidung über die Begründung eines Beschäftigungsverhältnisses erforderlich ist. Ein Assessment-Center-Bericht ist damit kein rechtsfreier Raum, und die Frage nach Aufbewahrung und Weitergabe ist berechtigt.
Wenn im Verfahren Software mitbewertet, kommt eine weitere Ebene dazu. Nach der Datenschutz-Grundverordnung hast du das Recht, nicht einer ausschließlich auf automatisierter Verarbeitung beruhenden Entscheidung unterworfen zu werden, die dir gegenüber rechtliche Wirkung entfaltet oder dich in ähnlicher Weise erheblich beeinträchtigt. Es gibt Ausnahmen, etwa bei Erforderlichkeit für einen Vertrag oder bei ausdrücklicher Einwilligung, und in diesen Fällen müssen Schutzmaßnahmen bestehen, darunter das Recht auf Eingreifen einer Person, auf Darlegung des eigenen Standpunkts und auf Anfechtung der Entscheidung.
Dazu passt der europäische Rechtsrahmen für künstliche Intelligenz: KI-Systeme, die für die Einstellung oder Auswahl natürlicher Personen bestimmt sind, insbesondere um Stellenanzeigen gezielt auszuspielen, Bewerbungen zu analysieren und zu filtern sowie Kandidatinnen und Kandidaten zu bewerten, sind im Anhang zu den Hochrisiko-Anwendungen aufgeführt. Und innerbetrieblich hat auch der Betriebsrat eine Rolle: Personalfragebögen bedürfen seiner Zustimmung, ebenso allgemeine Beurteilungsgrundsätze, und bei Auswahlrichtlinien ist der Einsatz künstlicher Intelligenz inzwischen ausdrücklich im Gesetz erwähnt.
Wenn du das Gefühl hast, im Verfahren wegen eines geschützten Merkmals benachteiligt worden zu sein: Wer Indizien darlegt, die eine Benachteiligung vermuten lassen, verschiebt die Beweislast auf die Gegenseite, die dann beweisen muss, dass kein Verstoß vorlag. Entschädigungsansprüche sind schriftlich innerhalb von zwei Monaten geltend zu machen. Für Personen, die auch ohne Benachteiligung nicht eingestellt worden wären, ist die Entschädigung auf drei Monatsgehälter begrenzt. Dieser Abschnitt ersetzt keine Rechtsberatung, für den Einzelfall lohnt der Gang zu einer Fachanwältin oder einem Fachanwalt für Arbeitsrecht.
„Die Frage, was mit meinem Bericht passiert und wie lange er aufbewahrt wird, ist keine Misstrauensfrage. Sie ist Teil dessen, was dir das Verfahren ohnehin schuldet.“
Quellen: BAG, Urteil vom 6. Februar 2003, 2 AZR 621/01 · § 26 BDSG: Datenverarbeitung für Zwecke des Beschäftigungsverhältnisses · Art. 22 DSGVO: Automatisierte Entscheidungen im Einzelfall · EU AI Act, Anhang III Nummer 4: Beschäftigung und Personalmanagement · § 94 BetrVG: Personalfragebogen und Beurteilungsgrundsätze · § 95 BetrVG: Auswahlrichtlinien · § 22 AGG: Beweislast · § 15 AGG: Entschädigung und Schadensersatz
Das Feedback: dein Anspruch, und was darin stehen muss
Die Standards sind an dieser Stelle eindeutig: Jede teilnehmende Person hat Anspruch auf ein individuelles Feedback, um das Ergebnis nachvollziehen und daraus lernen zu können. Angeboten wird es zeitnah in einem persönlichen Gespräch, die Teilnahme daran ist auf deiner Seite freiwillig. Als Verstoß gilt ausdrücklich, Teilnehmenden kein Feedback zu geben, weil der Aufwand gescheut wird oder wegen pauschaler juristischer Vorbehalte, ebenso ein Feedback unter Zeitdruck ohne Möglichkeit für Rückfragen.
Inhaltlich stützt sich die Rückmeldung ausschließlich auf die Beobachtungen und Ergebnisse aus den eingesetzten Verfahrenselementen sowie auf die Bewertungen der Beobachterkonferenz. Sie wird entlang der erfassten Anforderungen kommuniziert, basiert auf konkreten Beobachtungen und wörtlichen Zitaten, und es wird transparent dargelegt, wie daraus die Beurteilung abgeleitet wurde. Bei einem Auswahlverfahren sollen zusätzlich Empfehlungen für das Einarbeiten in die Zielfunktion gegeben werden, bei externen Kandidatinnen und Kandidaten auch Hinweise zur Integration in die Organisation.
Ein Punkt, der intern oft unbekannt ist: Internen Kandidatinnen und Kandidaten ist die schriftliche Zusammenfassung der Befunde auszuhändigen oder zugänglich zu machen, sie ist die verbindliche Feedback-Grundlage. Wenn du dich also intern auf eine Führungsposition beworben hast und nach dem Verfahren nur ein mündliches Gespräch mit allgemeinen Formulierungen bekommst, darfst du nach der schriftlichen Zusammenfassung fragen.
Und der taktisch wichtigste Teil: Ein gutes Feedback ist keine Trostrunde, sondern die einzige Stelle, an der du erfährst, welche Anforderungsmerkmale überhaupt beobachtet wurden. Diese Information ist für deine nächste Bewerbung mehr wert als die Zusage oder Absage selbst. Frag deshalb gezielt danach, welche Merkmale in welcher Übung erfasst wurden und mit welcher konkreten Beobachtung deine Bewertung begründet ist. Das bringt dir mehr als die Frage, was du falsch gemacht hast.
Quellen: Arbeitskreis Assessment Center e. V.: Standards der Assessment Center Methode (2016)
Vorbereitung: warum zu viel davon dir schadet
Die überraschendste Vorgabe der Standards betrifft die Vorbereitung. Auswahl- und Potenzialverfahren erfolgen dort idealerweise ohne ausführliche Vorbereitung der Teilnehmenden, damit die Leistungsbandbreite nicht vorab künstlich eingeschränkt wird. Die Vorbereitung soll einheitlich erfolgen, ohne dass Verhaltensschablonen einstudiert werden oder Verfahrenselemente im Detail vorgestellt werden. Als Verstoß benannt ist ausdrücklich, dass eine übertriebene Vorbereitung die Leistungsbandbreite künstlich einschränkt.
Aus der Personalleiter-Perspektive deckt sich das mit dem, was man am Tag selbst sieht: Einstudierte Teilnehmende sind leicht zu erkennen, weil ihr Verhalten in der Übung nicht auf die Situation reagiert, sondern auf ein Muster. In der Gruppendiskussion fällt das am schnellsten auf, wenn jemand die Rolle der moderierenden Person übernimmt, obwohl die Gruppe längst ein anderes Problem hat. Das bringt keinen Bonus und erschwert die Zuordnung zu Anforderungsmerkmalen, also auch die Bewertung.
Sinnvolle Vorbereitung sieht deshalb anders aus: Verstehe die Zielfunktion, nicht die Übungen. Was sind die drei bis fünf erfolgskritischen Anforderungen dieser konkreten Führungsrolle in diesem Unternehmen? Wenn du das beantworten kannst, weißt du grob, wonach beobachtet wird, ohne dass du eine einzige Übung kennst. Alles andere ist Handwerk: ausgeschlafen sein, in Übungen zuerst zuhören, und die eigenen Beispiele so parat haben, dass du sie in zwei Minuten mit Zahlen erzählen kannst.
Für das strukturierte Interview, das laut Forschung der aussagekräftigste Teil ist, lohnt sich der meiste Aufwand. Bereite acht bis zehn Situationen aus deiner Berufspraxis vor, die jeweils eine Entscheidung, eine Handlung und ein überprüfbares Ergebnis enthalten. Nicht auswendig, sondern als Rohmaterial. In der Auswertung werden deine Antworten mit vorab festgelegten typischen Antworten abgeglichen, konkrete Handlungen schneiden dabei zuverlässig besser ab als Absichtserklärungen.
1
Unvorbereitet
Keine eigenen Beispiele parat, kein Bild von der Zielfunktion.
2
Rolle verstanden
Du kennst die erfolgskritischen Anforderungen der Position und hast eigene Beispiele dazu.
3
Beispiele geschärft
Acht bis zehn Situationen mit Entscheidung, Handlung, Ergebnis. Der beste Stand.
4
Formulierungen einstudiert
Antworten sitzen wörtlich, wirken aber unabhängig von der Frage.
5
Verhaltensschablonen geübt
Rollenmuster aus Ratgebern, die die Standards ausdrücklich als schädlich benennen.
Quellen: Arbeitskreis Assessment Center e. V.: Standards der Assessment Center Methode (2016)
Woran du ein schlecht gebautes Verfahren erkennst
Nicht jedes Assessment Center folgt den Standards. Für dich ist das aus zwei Gründen wichtig: Es beeinflusst, wie du das Ergebnis für dich bewertest, und es sagt etwas über den künftigen Arbeitgeber aus. Ein Unternehmen, das seine Führungsauswahl ohne Anforderungsprofil, ohne geschulte Beobachtende und ohne Feedback durchzieht, wird auch andere Personalentscheidungen so treffen. Das ist eine Information über die Stelle, nicht nur über den Tag.
Die Warnzeichen sind ziemlich eindeutig, und du erkennst die meisten schon vor dem Termin. Wenn dir niemand sagen kann, ob es sich um ein Auswahl- oder Entwicklungsverfahren handelt, wenn niemand schreibt, wenn dieselbe Person alles bewertet, oder wenn ein Feedback grundsätzlich nicht vorgesehen ist, sitzt du in einem Verfahren, das eher eine lange Vorstellungsrunde ist als ein diagnostisches Instrument.
Das heißt nicht, dass du absagen sollst. Es heißt, dass du das Ergebnis entsprechend gewichtest. Eine Absage aus einem Verfahren ohne Anforderungsprofil und ohne dokumentierte Beobachtung sagt sehr wenig über deine Eignung für Führungsaufgaben aus. Sie sagt vor allem etwas darüber, wie dieses Unternehmen an diesem Tag entschieden hat.
Fünf Warnzeichen
- Keine Auskunft über Zweck und Konsequenz Auswahl oder Entwicklung sollte vorab klar sein, das ist ein Pflichtelement der Vorinformation.
- Nur eine bewertende Person Die Standards verlangen mindestens zwei unabhängige Bewertungen je Simulation und Interview.
- Niemand protokolliert Bewertung soll unmittelbar nach der Übung schriftlich anhand der Kriterien erfolgen.
- Die eigene Führungskraft beobachtet die Potenzialanalyse In den Standards ausdrücklich als Verstoß benannt.
- Feedback ist nicht vorgesehen Der Anspruch auf individuelles Feedback ist ein eigener Standard, kein Entgegenkommen.
Quellen: Arbeitskreis Assessment Center e. V.: Standards der Assessment Center Methode (2016)
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